Zum Nachdenken


Was ist wichtiger: Die hl. Kommunion oder das innere Gebet?

Liebe Gläubigen,

Im XX. Jahrhundert lebte eine wahrscheinlich bald heiliggesprochene Frau in seltsamer Weise. Sie ist 1902 in Frankreich geboren und 1981 gestorben. Ab dem 26. Altersjahr konnte sie sich nicht mehr bewegen und das Licht nicht ertragen. Sie konnte etwa 50 Jahre lang weder essen noch trinken. Das einzige, was sie vertragen konnte, war die hl. Eucharistie, die sie einmal wöchentlich empfing. Anscheinend hatte sie eine gewisse Seelenschau und konnte besonders den Priestern und Kandidaten zum Priestertum helfen, sie bestärken, führen und ermutigen. Durch sie wurden die sogenannten „Foyers de charité“ gegründet - Exerzitienhäuser. Jung opferte sie ihr Leben Jesus, schlicht und einfach, selbstlos, es sei denn Jesus zu gehören. Sie erlebte das Leiden des Herrn, Woche für Woche, und empfing die Stigmata (Wundmale) des Herrn. Sie hiess Marthe Robin.

Lang bereitete sie sich auf den Empfang des Herrn vor und gleich lang ging ihre Danksagung. Dennoch auf die Frage, was nach ihr wichtiger wäre, die hl. Kommunion oder das innere Gebet, antwortete sie:

Beides sollte man tun! Aber wenn eines bevorzugt werden sollte, dann das innere Gebet („oraison“); sie ist auch die beste Vorbereitung auf die hl. Kommunion.… Der häufige Empfang der hl. Kommunion ist eine Empfehlung, das innere Gebet ein göttliches Gebot: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17) Nun ist es schwierig, gut und ohne Unterlass zu beten, wenn sich das Herz nicht mit guten Meinungen, mit guten Vorsätzen füllt, die Früchte des inneren Gebets sind. Es kostet Einem mehr das innere Gebet zu verrichten als zu kommunizieren. Die Kommunion ist ein äusserer Akt, der Einem geistige Freude macht, Trost bringt. Das innere Gebet ist dagegen eine heimliche Unterhaltung zwischen Gott und der Seele. Die Kommunion setzt nicht immer die Tugend voraus. Man kann sich sogar gegen den Leib und das Blut Unseres Herrn versündigen. Das tägliche, innere Gebet bedeutet noch nicht, dass man tugendhaft ist, aber es ist das Zeichen, dass man daran ernsthaft arbeitet, um es zu werden.… Jemand hat gesagt: Man findet Christen, die jeden Tag kommunizieren und dennoch schwere Sünden begehen… Aber man findet nie eine Seele, die jeden Tag innerlich betet und in der (schweren) Sünde bleibt“ (4. April 1930)

In der heutigen Zeit, wo man nicht mehr so häufig, wenn überhaupt, kommunizieren kann, sollen diese Worte, die implizit die geistige Kommunion fördern, ein Trost sein: Die Intimität mit dem Herrn im inneren Gebet kann wohl wichtiger, gar „wirksamer“ sein als das Faktum des Kommunionempfangs, was unsere Hingabe zu Gott betrifft.

Ihr in Christo

P. Gabriel Baumann, FSSP

Strafe oder Reinigung -  Leiden oder Herrlichkeit?

Liebe Gläubigen,
In der katholischen Kirche gibt es drei spirituelle Mentalitäten: jene, die hauptsächlich die Busse, die Sünden und Gebrechlichkeit des Menschen betont, also etwa die düsteren Folgen des Sündenfalls sowie jene, welche hauptsächlich die Güte und Barmherzigkeit hervorhebt und praktisch seine Gerechtigkeit verleugnet, und die katholische, die beide Aspekte berücksichtigt.
Die erste Spiritualität ist stark vom abtrünnigen Martin Luther beeinflusst – ohne es zu wissen – nach welcher die menschliche Natur so denaturiert wurde, dass der Mensch nur sündigen kann. In die katholische eingeführt fördert diese Spiritualität, die im versteckten Fundament der spirituellen Irrlehre des Jansenismus liegt, die Ansicht, dass der Mensch nie würdig ist, Jesus zu empfangen, ausser nach strenger Busse. Sie predigt das Fegefeuer als erschreckenden Ort, in welchem die Strafen unerträglich sind usw. usf.
Die zweite Spiritualität fördert die Lehre nach welcher alle Menschen endgültig so erlöst sind – ohne ihr Zutun –, dass praktisch alle Menschen in den Himmel kommen, denn „Gott ist gütig und barmherzig“. Modernisten und charismatische Bewegungen fördern diese Sicht der Heilsgeschichte.
Die katholische Spiritualität bejaht beide Aspekte: die Anerkennung der Verantwortung des Menschen in seinen Entscheidungen, die zu oft sündhaft sind und deren Folgen (Gnadenentbehrung, Sündenstrafen und Fegfeuer); denn Gott ist gerecht. Sie bekennt auch, dass die Liebe Gottes allumfassend ist. Nicht nur indem er uns für den Himmel erschaffen hat und durch seinen Tod und die Auferstehung erlöst und die Himmelstüre wieder geöffnet hat, sondern dass diese Liebe eine immerwährende begleitende, wirksame, liebenswürdige und wohlwollende Liebe ist: Gott wohnt ja in unserem Herzen, auch wenn wir unvollkommen - ja Sünder sind.
Aber um den Wert dieser beiden Aspekte katholisch zu bemessen, muss man wissen, dass sie nicht gleichwertig nebeneinander sind, sondern aufeinander bezogen, hierarchisch jedoch, d. h. dass der eine Aspekt überwiegt.
Um die folgende Frage zu beantworten, welcher zwischen dem Sühneopfer Jesus am Kreuz (Karfreitag) und der Bedeutung der Auferstehung an Ostern, der wichtigere Aspekt ist, möchte ich einen anderen Vergleich als Hilfe bringen: Die Rolle des Fegfeuers! Warum? Weil viele Menschen, auch angeblich fromme Menschen, vor dem Tod Angst haben.
Ist das Fegefeuer wirklich ein schrecklicher Ort des Leidens und der Strafen, deren Schmer-zen mit denen auf Erden kaum zu vergleichen sind? Auf einer Seite muss man mit JA antworten. Diese Sichtweise wird besonders von den „Jansenisten“ und dergleichen gepredigt.


Der hl. Thomas von Aquin, Kirchenlehrer, hat eine andere Betrachtungsweise des Fegefeuers. Zunächst weil er auf Latein schreibt, heisst dieser Ort nicht Fegefeuer, was die Strafe des Feuers in den Vordergrund bringt, sondern „purgatorium“, Reinigungsort. Gewiss verleugnet er nicht die schmerzhaften Strafen dieses Ortes, aber für ihn ist es der Ort – besser gesagt der Zustand –, wo oder in welchem sich die Seele für den Himmel fähig und würdig macht. So versteht man wohl die Wichtigkeit der Wort-wahl: Reinigungsort beinhaltet sowohl eine schmerzhafte Reinigung – Kruste und Rost müssen „aus dem eigenem Leib“ rausgenommen werden –, als auch dessen Ziel: eine glänzende, makellose, wirklich echt heilige Seele zu erreichen, die damit fähig wird, sich mit Gott ewiglich zu vereinigen. Entsprechend ist für den Kirchenlehrer die Hauptstrafe nicht die sinnliche, welche durch das Feuer gedeutet wird, sondern die Trennung von Gott! In diesem Zustand sehnt sich die Seele „irrsinnig“ (gemeint: extrem, masslos) nach Gott, den sie auf Erden nur lau geliebt hat. Das ist der Grund warum sich die Seele nach dem persönlichen Gericht, das dem Tod unmittelbar folgt, schwungvoll ins Reinigungsort wirft; nicht weil sie sich bewusst ist, dass sie das Angesicht nicht sehen kann oder von der Heiligkeit verworfen wird, sondern damit sie so schnell wie möglich gereinigt wird, um mit ihrem Geliebten, Gott, vereinigt zu werden. Hier berührt man mit dem Finger die zwei verschiedenen Spiritualitäten: die erste (jansenistische) sträubt sich gegen den Tod, weil sie die Angst vor den Schmerzen fördert. Die katholische Spiritualität verkündet mit einem anderen Kirchenlehrer, dem hl. Bonaventura, dass der Reinigungsort ein Wunder der Barmherzigkeit Gottes ist, die uns armen Sündern die Möglichkeit gibt, mit Gott vereinigt zu werden, obwohl wir in unserem Zustand, in welchem wir sterben, gar nicht fähig wären, mit Gott vereinigt zu werden: „Nichts Unreines kommt in den Himmel hinein“ (Off 21,27).
Kommen wir auf unsere Frage zurück: Was ist das Wichtigere: das Sühnopfer Jesu Christi am Kreuz oder die Auferstehung? Die Fastenzeit oder die österliche Zeit?
Bei vielen Gläubigen ist die Fastenzeit eine sehr ernste Sache (mindestens theoretisch). Dagegen sind die fünfzig Tage nach Ostern etwa 10 Tage offizieller Freude eine «nicht erlebte» Zeit. Gemeint ist, ob diese Zeit die „österliche“ Zeit wäre oder eine andere, ist praktisch dasselbe, irgendwie nicht sehr bedeutend. Gewiss nerven uns die Charismatiker mit ihrem „Halleluja!“ das ganze Jahr. Aber wir sollten wohl diese geistige Freude bis Pfingsten hoch halten. Denn wenn Jesus uns durch das Sühnopfer erlöst hat, indem er für unsere Sünden gesühnt hat, ist das Ziel dieser Aufgabe des Vaters an ihn, die Verherrlichung des himmlischen Vaters. Diese geschieht indem der ursprüngliche Plan wiederhergestellt wird im Sieg über Tod und Teufel: die vereinigende Versöhnung mit unserem Vater. Jubeln wir wirklich darüber? Sind wir begeistert davon? Sind wir ausser sich, dass wir die Schönheit, die Weisheit und die Liebe Gottes ewiglich geniessen werden?
Wenn wir uns an Ostern mit Jesus über seine Auferstehung freuen, sollen wir uns heute am Barmherzigkeitssonntag freuen, dass Gott uns so sehr liebt, dass er sogar unsere Sünden (fast) übersieht, weil er mich als sein geliebtes Kind unbedingt bei sich haben will, um mich lieben zu können. Auch Dich!
Gesegnete Osterzeit!
Ihr in Christo
P. Gabriel Baumann, FSSP